Kristine Bilkau: Die Glücklichen (2015)

Der Roman erzählt auf psychologisch glaubwürdige und erzählerisch spannende Weise von den Schwierigkeiten eines jungen Elternpaars, einem Journalisten und einer Konzertcellistin. Georg und Isabell stecken beide in einer beruflichen Krise. Georgs Redaktion muss Stellen abbauen, und Isabell leidet seit kurzem unter zitternden Händen, die sie nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Unter dem Eindruck des ökonomischen Drucks sehen sich die beiden Arbeitslosen damit konfrontiert, ihren Lebensstil anpassen zu müssen – was ihre Liebe nicht unbeeinträchtigt lässt. Bilkau wechselt immer wieder von der Männer- zur Frauenperspektive und zurück. Dank dieses doppelten Blicks erfährt man, wie sehr jeder mit seinen Ansprüchen an sich und den Partner und dem Unglück des jeweils anderen zu kämpfen hat. Unter dem Eindruck der Zerbrechlichkeit des kleinen Glücks fühlt man sich an Hans Falladas berührenden Roman ›Kleiner Mann, was nun?‹ (1932) erinnert, der im Berlin der Wirtschaftskrise der späten Zwanziger spielt.

Leseprobe (Anfang des Romans – man muss erst paar Seiten runterscrollen)

Anfang (von der Autorin vorgelesen)

Rezensionsübersicht

Rezension ZEIT 2015

Rezension SPIEGEL 2015

Rezension Deutschlandfunk 2015

Besprechung im Literaturclub (2015)

Arno Geiger: Unter der Drachenwand (2018)

1944, österreichische Provinz: Der 25jährige Wiener Veit Kolbe erholt sich nach vier Jahren Fronteinsatz von einer schweren Verwundung. Der Krieg ist noch nicht zu Ende und Kolbe kein Held. Hitlers Partei war ihm »Sinngebung«, der Krieg Normalität. In dem Dorf lernt er einige Menschen kennen: Nanni, ein unglückliches Mädchen, die in ihren Cousin verliebt ist; Margot, eine verheiratete junge Mutter, deren Mann auch an der Front ist; einen Gärtner, den alle den »Brasilianer« nennen, weil er lange in Rio lebte. Sie alle hoffen, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Es kommen aber auch andere Stimmen zum Zug, die von anderen Realitäten dieser Epoche erzählen, zum Beispiel einer jüdischen Wiener Familie, die vor den Nazis nach Budapest flieht, oder Margots Mutter in Darmstadt, die vom Bombenkrieg berichtet. Ein Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden. (Bild)

Überblick

Rezensionsübersicht

Rezension FAZ 2018

Rezension ZEIT 2018

Rezension profil 2018

Audio-Gespräch mit dem Autor

Viedeorezension FAZ 2018

Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

Die Geburt Europas aus dem Geist des Krieges (NZZ) – und durch die Augen eines Gauklers. In seinem 500-seitigen Schelmenroman versetzt der Autor (oben) die Figur des Narren Till Eulenspiegel aus dem 14. Jahrhundert 3 Jahrhunderte in die Zukunft und in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), wo er von den seelischen Verwüstungen durch Gewalt erzählt.

Einführung

Leseprobe

Hörbuchfassung des Anfangs (35 min.)

Rezensionsübersicht

Rezension ZEIT 2017

Rezension SPIEGEL 2017

Rezension NZZ 2017

Videorezension 2017

Interview mit dem Autor 2017

Kehlmann über die Figur Till Eulenspiegel 2017

Sven Regener: Herr Lehmann (2001)

Die erste Szene: Am Morgen nach der Nachtschicht am Tresen stellt sich dem übermüdeten Frank Lehmann ein störrischer Hund in den Weg. Ob Hunde wohl Whisky mögen? – Regeners Romandebut spielt in Berlin-Kreuzberg 1989 (also kurz vor der Wende) im Milieu der Künstler, Herumtreiber und Randexistenzen, der Biertrinker und -verkäufer. Er bietet jede Menge lustiger Szenen, schräge Figuren und kunstfertige Dialoge, die sich um so zentrale Themen drehen wie Sprache (was ist genau ›Lebensinhalt‹?), Zeit (vergeht sie schneller, wenn man betrunken ist?) und die Bedeutung der Kruste beim Schweinebraten. Es wird also philosophiert, gestritten, gearbeitet, Kunst gemacht und ausgegangen. So sieht ein Dasein aus, dazu hat man Zeit, solange noch nicht klar ist, wie es im Leben weitergehen soll resp. was man überhaupt mit seinem Leben anstellen will. Loyalität zu den Freunden ist oberstes Gebot, auch wenn sie einem furchtbar auf den Geist gehen. Und dann kommt auch noch die Liebe. Zu Kathrin, der schönen, sperrigen Köchin. Und die Eltern kommen auch. Aus der Provinz. Großes Theater, das alles. Bild: Christian Ulmen und ein Hund in der Verfilmung von Leander Haußmann 2003.

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Rezensionsübersicht

Rezension FAZ 2001

Blogrezension 2001

Trailer der Verfilmung durch Leander Haußmann 2003

Frank diskutiert mit Kathrin über ›Lebensinhalt‹ und ›betrunkene Zeit‹ (Ausschnitt aus der Verfilmung 2003)

Hermann Hesse: Demian (1919)

Der Schuljunge Emil Sinclair kämpft mit seinen inneren Dämonen, die seine bisher heile Kinderwelt bedrohen und die ihn locken. Er muss sich vom Elternhaus lösen, seiner Selbst bewusst werden, seine erste Liebe überwinden, seine Triebe kennenlernen, kurz: mit sich selbst Bekanntschaft schließen. Jedes der Kapitel steht für eine neue Phase, eine weitere Häutung. Auf dem Weg zu sich selbst begegnet ihm der gleichaltrige Demian als eine Art Mentor, Lotse und Spiegelung. Der Roman »handelt von einer ganz bestimmten Aufgabe und Not der Jugend, welche freilich mit der Jugend nicht aufhört, aber doch sie am meisten angeht. Es ist der Kampf um die Individualisierung, um das Entstehen einer Persönlichkeit. […] Der ›Demian‹ zeigt gerade jene Seite im Kampf um die werdende Persönlichkeit, die den Erziehern die umbequemste ist. Der werdende junge Mensch, wenn er den Drang zu starker Individualiserung hat, wenn er vom Durchschnitts- und Allerweltstyp stark abweicht, kommt notwendig in Lagen, die den Anschein des Verrückten haben. […] Es gilt nun nicht, seine ›Verrücktheiten‹ der Welt aufzuzwingen und die Welt zu revolutionieren, sondern es gilt, sich für die Ideale und Träume der eigenen Seele gegen die Welt so viel zu wehren, daß sie nicht verdorren.« (Hesse in einem Brief an Marie-Louise Dumont) (Bild)
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Inhalt & Lesermeinungen

Der ganze Text

Präzise Inhaltsangabe der ersten sieben Kapitel

Essay zu Hermann Hesses Werk und Einfluss ZEIT 2012

Hörspiel (vollständig) 2016

Christian Kracht: Faserland (1995)

»Alle sind tätowiert, wie ja inzwischen fast jeder in Deutschland.« – »Das passiert oft bei ganz reichen Leuten, daß sie so ins Hippietum abdriften.« – »Frankfurter Mädchen haben immer so eine Selbstverständlichkeit, die man nirgendwo sonst in Deutschland findet.« – Ein schnöseliger wohlhabender Endzwanziger reist durch Deutschland und weiter bis in die Schweiz. Auf den acht Stationen (das entspricht acht Kapiteln) trifft er Freunde und Bekannte, alle auf Koks, alle auf Party, alle am Ende. Ein Streifzug durch eine materialistisch dekadente, oberflächliche Welt des »markenbewußten Nihilismus« (FAZ), auf die der Protagonist mit Verachtung und Ekel (Selbstekel) blickt. Krachts mit spitzer Feder verfasster Roadtrip entwirft ein düsteres Zerrbild der saturierten Neunzigerjahre und gilt als Aushängeschild der sogenannten ›Popliteratur‹.

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Kapitelübersicht

Inhalt & Kommentar

Analyse & Rezeptionsgeschichte (Seminararbeit 2001)

Rezension FAZ 2002

Rezension SPIEGEL 1995

Blogrezension 2002

Blogrezension 2013

Blogrezension 2006

Interview mit Kracht, WELT 2009

Interview mit Kracht 2008

Sven Regener: Wiener Straße (2017)

Kreuzberg, Westberlin, 1980. Das Leben findet hauptsächlich in der Kneipe statt, egal ob man gerade Putze, Künstler, Punk oder arbeitslos ist. Das Kosmos, das der Autor hier entwirft, ist fiktiv-historisches Abbild seiner frühen Berliner Jahre, als Westberlin noch vom Osten (DDR) umgeben war. Regener hat diesen Kosmos, dieses doppelt geschützte Biotop hinter Mauern in mehreren Romanen bis ins kleinste Detail entwickelt, angefangen mit ›Herr Lehmann‹ (2001). Besonders authentisch und präzise ist die Sprache seiner Figuren, die man einfach mögen muss, weil sie derart in ihrem eigenen Orbit drehen und sich trotz ihres zumeist simplen Wesens gerne und oft philosophische Gedanken über die Welt machen. Sehr unterhaltsame Lektüre für Freunde der Randexistenzen, der für immer vergangenen Nische West-Berlin und der Sprachkunst. (Bild)

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Leseprobe

Regener liest einen Abschnitt vor

Rezensionsübersicht

Rezension SZ 2017

Rezension Berliner Zeitung 2017

Inhalt und Hintergrund SRF 2017

Interview ZEIT 2017

Interview Youtube 2017

Regener stellt den Roman vor 2017

Bericht ZDF  2017

noch’n Interview

Juli Zeh: Leere Herzen (2017)

»Full Hands Empty Hearts / It’s a Suicide World Baby.« Der Song, der in Zehs dystopischem Deutschland in Jahre 2025 ein Hit ist, spricht Bände. Das Land hat einen Rechtsruck hinter sich und die nihilistische Protagonistin Britta ist stellvertretend für eine an Politik desinteressierte Mehrheit, die diesen Zustand zu verantworten hat. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Babak hat sie die ›Brücke‹ ins Leben gerufen, eine psychotherapeutische Institution, welche suizidale Menschen entweder heilt oder – wenn der Wunsch zu sterben nicht vergeht – zu Selbstmordattentätern rekrutiert: Sie widmen ihren Tod einem Zweck wie z.B. dem Natur- oder Tierschutz. Eine so eigenwillige wie einträgliche Geschäftsidee. Doch dann wird ein Selbstmordanschlag verübt, dessen Attentäter aus einer Konkurrenzorganisation zu stammen scheinen. Und die schöne Julietta taucht auf und provoziert Britta durch ihre Entschlossenheit. Aus diesen Konflikten entwickelt sich ein recht handlungsorientierter Thriller, in dessen Verlaufe sich Britta gezwungen sieht, ihre politische Haltung und ihre ethischen Maßstäbe zu hinterfragen. (Bild)

Überblick inkl. Links zu Interviews

Leseprobe

Rezensionsübersicht

Rezension ZEIT 2017

Rezension FAZ 2017

Interview mit Juli Zeh 2017

TV-Beitrag 10.11.17

Monika Maron: Stille Zeile Sechs (1991)

»Wenn das Opfer sich nicht wehrt, hat es auch Schuld.« In diesem tiefsinnigen, bedrückenden, in einer sehr präzisen Sprache verfassten Roman rechnet die Ich-Erzählerin (und wohl auch die Autorin) mit ihrer Heimat ab und der Rolle, die sie darin spielte. Ostberlin, Hauptstadt der DDR, des vermeintlich ›Besseren Deutschlands‹, weil durch den ›antifaschistischen Schutzwall‹ vom kapitalistischen Westen abgeschirmt: Die Wissenschaftlerin Rosalind, im kommunistischen Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, soll die Memoiren eines alten Stalinisten und strammen Parteigenossen, der als junger Mann gegen die Nazis kämpfte, zu Papier bringen – Anlass zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit ihm und mit der ostdeutschen Diktatur. Der Titel ist schlicht die Adresse des alten Beerenbaum. (Bild)

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Inhalt & Kommentar

Leseprobe (den Cursor benützen)

Rezension ZEIT 1991

Blogrezension 2010

Rezension

Literaturgespräch (1991) über den Roman (von Minute 41:25 an)

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein (1964)

»Ich probiere Geschichten an wie Kleider.« Ein Spiel mit Identitäten, ein Roman, der mit der vielfachen Erfindung spielt, ohne Haupthandlung auskommt und damit Literaturgeschichte geschrieben hat. Eine Ehe ist kaputt gegangen und der Mann versucht herauszufinden, woran es lag, und zwar indem er sich Geschichten mit anderen Versionen seines Ichs ausdenkt. Peter von Matt sagt dazu in der ZEIT: »Die Wahrheit über sich selbst kann niemand aussprechen, auch nicht die Wahrheit über einen andern, die Geliebte zum Beispiel oder den Geliebten. Individuum est ineffabile: Das wusste schon das Mittelalter, jetzt wurde der Satz wieder aktuell. Nur in erfundenen Geschichten erscheint das Tatsächliche, erklärte der Erfinder des Gantenbein-Spiels und erzählt, mit der Lust des alten Boccaccio.« (Bild)

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Inhalt & Kommentar

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Auszug (Hörprobe)

Rezension ZEIT 2012

Blogrezension 2006

Blogrezension 2005

noch ’ne Blogrezension

Rezension der Inszenierung einer Bühnenfassung 2014

Trailer zu dieser Bühnenfassung (Schauspielhaus Zürich 2014, Regie: Dušan D. Parízek) … und gleich noch ein weiterer Teaser dazu

Videorezension 2016

Max Frisch und das Identitätsproblem (Werk, Themen, Portrait)

Max Frisch interviewt sich selbst (Zusammenschnitt alter Aufnahmen)

Beitrag zu Frisch