Christian Kracht: Eurotrash (2021)

»Insgeheim erwartete ich, daß meine Mutter nicht aufmachen würde, gleichzeitig hoffte ich natürlich, daß sie öffnen würde und noch am Leben sei und nicht wieder in einer Blutlache lag.« (59)
Exilierter Sohn, 50 und aus gutem Hause, nimmt seine gehassliebte und semidemente Mama, 80, auf einen Roadtrip durch die Schweiz, obwohl sie eigentlich nach Afrika will und zu diesem Zweck ein paar hunderttausend Euro in einer Plastiktüte spazieren trägt. Im Zuge des Erzählens, wie es dazu kommt, erfährt man jede Menge Abgründe aus der Familiengeschichte die ungut mit historischen Leichen und gesellschaftlichen Granden gepflastert ist. PS Der Protagonist heißt wie der Autor. Aha?
Die gepflegte bis manierierte Sprache und die urteilsstarke Haltung des Erzählers (den man schwerlich mögen kann) bilden den roten Faden durch den Roman. Hier wird mit manchem abgerechnet, Zürich wird als »Stadt der Angeber und der Aufschneider und der Erniedrigung« (13) an mehreren Stellen quasi versenkt. Der versierte zynische Tonfall bringt einen oft zum lachen, anspielungsreiche Passagen setzen ein paar Vorkenntnisse voraus oder ziehen ein paar Ausflüge ins Internet nach sich. Da steckt viel drin.

Überblick

Rezensionsübersicht

Rezension Süddeutsche Zeitung

Rezension NZZ

Videorezension 3sat

Videorezension Moritz von Uslar

Interview mit dem Autor / Süddeutsche Zeitung

Juli Zeh: Über Menschen (2021)

Die Autorin schreibt in ihrem Stadtfluchtroman einmal mehr nah an den virulenten Gegenwartsthemen und sie hat ein Flair für Figuren, die ein Weltbild verkörpern. Hauptsächlich ist es die Geschichte einer Neuorientierung, die 30jährige, sehr trendige Marketingfachfrau flieht vor ihrer kriselnden Beziehung mit ihrem Freund, einem neuvegannen Thunbergianer, Journalisten und Coronaparanoiker, und zwar flieht sie ins unbekannte Land Brandenburg, kritische 90 Minuten weit entfernt von Berlin.
Dort findet sie sich in einem andren Universum wieder – und mit dem ersten Lockdown ist sie gezwungen, sehr autark zu funktionieren. da werden die Nachbarn wichtiger, auch wenn sie AFD wählen oder verwahrloste Kinder sind.

Podcast mit Juli Zeh zum Roman, SRF

Rezensionsübersicht

Rezension Süddeutsche Zeitung

Rezension ZEIT

Videorezension

Christoph Hein: Guldenberg (2021)

In dem kleinen ostdeutschen Städtchen Guldenberg wurden vor kurzem ein Dutzend geflüchtete Teenager aus Afghanistan und Syrien aufgenommen, um die sich nun ein paar engagierte Frauen kümmern – was im Ort für Aufruhr sorgt, denn viele wollen »die Fremden« nicht hier. Der Autor steuert nicht auf den raschen Konflikt zu, sondern entwirft mit viel Geduld den Schauplatz, der sich als ein Spannungsfeld rivalisierender Männer und Instanzen entpuppt, vom Bürgermeister über den Ortspfarrer und den Bezirkspolizisten bis zum Unternehmer. Hinzu kommt die Vorgeschichte des Ortes, vergangene und schwelende Konflikte, altes und neues alltägliches Leid.
Man muss sich erst etwas reinlesen, aber das alles liest sich zunehmend spannend, denn im Grunde werden hier exemplarisch und im kleinen Format die verschiedenen Positionen in einem Konflikt abgehandelt, der sich überall abspielt, wo Menschen aufgenommen werden und unsere humanitäre Verpflichtungen umgesetzt werden sollen oder müssen.

Rezension Frankfurter Rundschau 2021

Rezension ZEIT

Rezension Deutschlandfunk

Rezension mdr

Rezension swr2

Interview mit dem Autor

Ewald Arenz: Der große Sommer (2021)

Für einen flotten Jugendroman braucht es oft nicht mehr als Sommerferien, erste zärtliche Gefühle und irgendeine größere Hürde: Letzteres ist hier eine große Nachprüfung in Mathe und Latein, für die der 16-jährige Frieder lernen muss, und zwar bei seinem strengen Opa, einem Wissenschaftler, und seiner umso liebevolleren Oma.
Die trüben Aussichten hellen sich bald auf, dank einem gleichaltrigen Mädchen, die zufällig auch auf dem Sprungturm steht.
Was vielleicht etwas flach und erwartbar klingt, entpuppt sich als amüsanter Roman, der durchaus auch mal Tiefe entwickelt, weil er von einfachen, aber existenziellen Fragen erzählt, die kaum jemandem unbekannt sind: »Ich fand Solschenizyn auch gut. Und ich wollte ein Schnittlauchbrot. Wie konnte man gleichzeitig ein kleines Kind sein, das von seiner Großmutter ein Brot gemacht bekam, und ein Junge, der gerade unglücklich verliebt war, und ein anderer Junge, der über russische Gulags las […]?«

Rezensionsübersicht

Rezension Deutschlandfunk

Rezension BR

Audiorezension

Matthias Brandt: Blackbird (2019)

Wie soll ich mich verhalten? Worüber soll ich reden und was soll ich sagen? Bin ic h ein guter Freund? Welche Platte kauft man sich als nächstes? Wieso betet die Angebetete einen anderen an? Wieso wird einem beim Rauchen schlecht? Und wieso sind die Erwachsenen fast alle derart endbescheuert? Ähnlich wie in Herrndorfs Roman ›tschick‹ steht auch in Blackbird die Bubble des Jungseins im Zentrum. Vermeintlich hermetisch abgetrennt vom Rest der Welt, gilt es für die Hauptfigur Morten, alles zu entdecken, während man nach außen auf keinen Fall die Überforderung zeigen darf – die Überforderung, vor die einen solche Fragen wie oben stellen. Kommt dazu eine neue Form der Einsamkeit: Mortens bester Freund liegt mit einer seltenen Form von Krebs im Krankenhaus und bleibt in seiner Entwicklung stehen. Und die Mutter trauert dem Vater hinterher, der die Familie verlassen hat. (Bild)

Intro

Leseprobe

Rezensionsübersicht

Rezension Deutschlandfunk 2019

Rezension ZEIT 2019

Der Autor und Schauspieler Matthias Brandt liest vor

Matthias Brandt spricht über seinen Roman

Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß (2017)

Gorillas in the Kaff. Mimi wächst in der brandenburgischen Provinz auf, eine Stunde entfernt vom großen Berlin. Sie erlebt die noch selbstverständlichen Absonderlichkeiten der späten DDR, dann deren Ende 1990. Mit dem Fall der Mauer, dem ›antifaschistischen Schutzwall‹, folgt der Aufstieg der Gorillas oder auch ›Glatzen‹, wie man die Neonazis nennt. Sie bevölkern das Umland und terrorisieren die Bevölkerung. Unter ihnen befinden sich nicht wenige von Mimis ehemaligen Mitschülern oder Freundinnen, die eben noch die blauen Hemden des Jugendverbands der streng antifaschistischen DDR trugen. Sie suchen sich ihre Opfer willkürlich aus und kommen oft genug ohne Bestrafung davon. Niemand ist ihnen gewachsen und doch – oder gerade deswegen – wird kaum über sie gesprochen. Einer davon ist Oliver, Nachbars Sohn, Spitzname ›Hitler‹, einst Mimis Kindheitsfreund, der mit den Schnapskirschen.

Die Lektüre ist intensiv, die Sprache sachlich, klar, kühl. Die Neonazis kommen einem hier unheimlich nah, und oft dann, wenn man sie nicht erwartet und hofft, dass es jetzt mal um angenehmere Themen geht. Das ist stark, aber das muss man auch ertragen, denn die Figur der Mimi verspricht wenig Halt. Dazu ist sie viel zu sehr beschäftigt mit dem Einordnen dessen, was mit ihr und um sie herum geschieht. Ihre Welt scheint aus den Fugen, nein sie ist es tatsächlich. Ja, da sind Sportauszeichnungen, Freundschaft, Verliebtheit, aber über allem dominieren Kampf, Verunsicherung und wenig Orientierung nach vorne. Ein Ausflug in eine unheimliche Welt, der einem nachgeht.
Bild

Intro

Inhalt & Besprechung

Leseprobe (pdf-download)

Empfehlung der ALEKI 2019

Blogrezension

Rezension Süddeutsche Zeitung 2017

Rezension Tagesspiegel 2018

Online-Lesung der Autorin

Interview mit der Autorin

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende (1939/2018)

Ungeheuer spannend und bedrückend erzählt der 23-jährige Autor von einem jüdischen Kaufmann, der direkt nach den Novemberpogromen gegen die Juden im November 1938 Nazideutschland verlassen möchte und nicht weiß, wie. An seiner Seite erlebt man mit, wie es sich anfühlt, wenn man plötzlich per se verdächtig ist und sich selber dauernd reflektiert, weil man befürchtet, die eigene Furcht verrate einen.
Die Figuren, Gespräche und Begegnungen lehren einem viel darüber, was Macht und Ohnmacht mit uns anstellt: die Verfolgten fallen aus der Welt, deren fester Bestandteil sie eben noch waren; diejenigen auf der sicheren Seite nützen die neue Position aus oder verlangen vom Verfolgten ein Dankeschön, wenn sie es nicht tun. Und nicht mal die Verfolgten untereinander können sich noch trauen.
(Photo by 39422Studio from Pexels)

Überblick

Leseprobe

Rezensionsübersicht

Rezension FAZ 2018

Rezension Deutschlandfunk 2018

Angelika Klüssendorf: April (2014)

»Sie ist gerade einundzwanzig geworden, sie kommt sich immer noch vor, als wäre sie auf Durchreise, sie will begreifen, was sie umgibt. Doch das Wahre vom Falschen zu unterscheiden ist so, als müsste sie lernen, mit geschlossenen Augen zu schielen.« (S. 104f.)
***
Diese sechs Jahre währende Chronik einer Selbstfindung ist eindrücklich, mit einer kühlen, bildstarken Sprache, und teilweise schwer auszuhalten, so orientierungslos und selbstzerstörerisch torkelt die 17jährige Hauptfigur namens April von der Jugendhilfe ins Erwachsenenalter. Ihrer schweren Kindheit ist sie entronnen, sie bleibt jedoch eine vom frühen Schicksal Gezeichnete, die sich an der Welt schneidet. Weder findet sie Frieden noch würde sie diesem trauen – ein Teufelskreis. Was sie hat: eine scharfe Wahrnehmung. Nur müsste sie es fertigbringen, daraus Literatur zu machen.
Der Roman mit autobiographischem Bezug schließt an den Vorgänger ›Das Mädchen‹ (2011) an und spielt hauptsächlich in Ost- und Westberlin in den frühen 1980ern.
(Bild: Adrien Olicon from Pexels)

Überblick

Inhalt & Analyse

Textauszug / Leseprobe

Rezensionsübersicht

Die Autorin liest vor

Interview mit der Autorin (ZEIT 2014)

Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

Was macht einen Mann zum Hexer? Wie weit darf ein Hofnarr seinen Herrn reizen und ärgern? Wie lernt man jonglieren? Kann man einem Esel das Sprechen beibringen? Was tut eine besitzlose, verwitwete Königin, um ihre Würde zu bewahren? Wie schläft man auf einem Baum? Und: Gibt es vielleicht doch Drachen?
Bunt, verstörend, witzig, brutal, verschlungen – ein Roman aus einem Land im fortwährenden Kriegszustand. Die Bevölkerung ist permanent marodierenden Gruppierungen, Seuchen und religiösen Eiferern ausgesetzt, viele sind auf der Flucht. Wir befinden uns im Deutschland des 17. Jahrhunderts, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Beim Schreiben dachte der Autor aber an ein Land wie Syrien heute.
In acht Episoden erzählt er von Bauern, Jesuiten, Königen, Soldaten – und dem Gaukler Tyll Ulenspiegel. Der kommt als verbindende Figur in allen Episoden vor, steht aber nicht immer im Zentrum. Tyll würde man heute einen Straßenkünstler nennen, der schwächliche Sohn eines Müllers übt sich im slacklinen und jonglieren. Früh muss er aus seinem Dorf fliehen und begibt sich mit der gleichaltrigen Bäckerstochter Nele, die vor dem Schicksal des Verheiratetwerdens flüchtet, auf die ziellose Reise in ein Leben voller Unwägbarkeiten. (Bildquelle)

Überblick

Anfang des Romans / Leseprobe

Hörbuchfassung des Anfangs (35 min.)

Rezensionsübersicht

Rezension ZEIT 2017

Rezension NZZ 2017

Videorezension 2017

Informatives gedrucktes Interview SZ 2018

Interview mit Daniel Kehlmann (2017)

Noch so ein Interview (2017)

Kehlmann über die Figur Till Eulenspiegel 2017

Judith Kerr: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl (1971/73)

Weil ihr Vater von den Nazis verfolgt wird, muss Annas Familie 1933 Deutschland verlassen. Die Flucht führt sie zunächst nach Zürich, doch was erwartet sie in der Fremde und wovon sollen sie leben? Die Tochter des Intellektuellen Alfred Kerr verarbeitet hier eigene Kindheitserfahrungen auf einfache, aber spannende Weise, vor allem weil sie konsequent aus der Kinderperspektive erzählt. Sie vermittelt eine Vorstellung vom Grad der Verwirrung und Verunsicherung derjenigen, welche die Gesamtsituation noch weniger erfassen können als Erwachsene, erfährt aber auch, wie rasch sich Kinder adaptieren und was aus ihrer Sicht wesentlich ist. Der Jugendbuchklassiker ist ursprünglich in englischer Sprache erschienen.

Überblick

Textauszug / Leseprobe

Interview mit der Autorin (2013)

Bericht zur Verfilmung von Caroline Link (2019)

Trailer der Verfilmung