Uwe Timm: Ikarien (2017)

Wer sich für das dunkle Kapitel der Euthanasie in Hitlerdeutschland interessiert, bekommt hier eine lesenswerte Einführung in Form eines Romans geliefert, der historische Hintergründe, atmosphärische Beschreibungen der sogenannten ›Stunde Null‹ und eine fiktive Rahmenhandlung miteinander verknüpft.
Deutschland 1945: Ein junger amerikanischer Nachrichtenoffizier deutscher Herkunft wird am Ende des Krieges damit beauftragt, Material über den Rassenwahn in Nazideutschland zu sammeln. Seine Hauptquelle sind die Gespräche mit einem ehemaligen Weggenossen des Arztes und Rassenhygienikers Alfred Ploetz (1860-1940). Ploetz war ursprünglich ein sozialistischer Utopist und glaubte an die Möglichkeit einer perfekten Gesellschaftsform. Als er erkannte, wie schwierig diese Idee umzusetzen ist, ging er neue Wege: die Erschaffung eines neuen Menschen durch positive und negative Eugenik.
Nebst diesen spannenden, aber auch beklemmenden Inhalten erfährt man am Beispiel der fiktiven Hauptfigur auch einiges über das Verhältnis der amerikanischen Besatzer zur deutschen Bevölkerung, die sich erst an die neuen Umstände gewöhnen muss.

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Rezensionsüberblick

Rezension ZEIT 2017

Rezension SPIEGEL 2017

Rezension Deutschlandfunk 2017

Interview mit dem Autor

Videointerview mit dem Autor

Hörprobe

Michael Köhlmeier: Madalyn (2010)

Erste Liebe! Wahnsinn! Die 14-jährige Madalyn verliebt sich ausgerechnet in den notorischen Lügner Moritz, zwei Jahre älter, Graffitisprayer, vermeintliches Lyrikgenie – ein Problemschüler, der seine Geheimnisse gerne für sich behält, auch die Beziehung zu Claudia, seiner letzten Freundin. Das macht ihn freilich umso interessanter. – Der Roman erzählt mit sehr viel Geduld von Madalyns andauernden Kampf und Krisenzustand, den Glücksgefühlen und romantischen Plänen, den Verunsicherungen, Ängsten und Einsamkeitsgefühlen, die dieses große Gefühl gerade beim ersten Mal begleiten oder zumindest begleiten können. Jeden Tag beginnt alles von vorne, scheint alles auf dem Spiel zu stehen. Das Telefon – und dem Guthaben darauf! – gewinnt plötzlich an Bedeutung, es wird zum Chronisten von Glück und Leid, derweil die sich streitenden Eltern noch eine zusätzliche Front bilden. Deshalb vertraut sich Madalyn auch nicht ihnen, sondern ihrem Nachbarn an, einem Schriftsteller, der zum einen die ganze Geschichte erzählt und zum andern auch darin verwickelt wird.

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Rezensionsübersicht

Rezension FAZ 2010

Videorezension (hauptsächlich in english)

Simone Meier: Kuss (2019)

Je mehr man sein Leben eingefädelt und schwerwiegende Entscheidungen hinter sich hat (Partnerschaft, Hauskauf, Jobsituation), desto weniger werden die Optionen. Man ist vielleicht glücklich, sitzt aber auch in einer Art Falle. So ergeht es Gerda, Mitte 30, die sich eine Auszeit genommen hat und nun vorwiegend mit dem Haus beschäftigt ist, das sie und Yann sich gekauft haben – außerhalb der Stadt, ein neuer Lebensabschnitt. Kommen jetzt Kinder? Ein beruflicher Wiedereinstieg? Und wohin mit den Sehnsüchten? Das Rollenmuster ist ungut, Yanns Freund Alex hat das gewisse Etwas. »Simone Meier spinnt einen Reigen des Begehrens, des Gesehenwerdenwollens, in dem der andere vornehmlich als Projektionsfläche dient und die Realität zunehmend entgleitet. Auch der Leser weiß mit der Zeit nicht mehr, wo Fantasie anfängt und Wirklichkeit aufhört, zu schmal ist der Grat.« (SPIEGEL 13.2.19)

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Inhalt inkl. Zitate 2019

Rezensionsübersicht

Rezension SPIEGEL 2019

Podcast: Interview mit Simone Meier

Daniel Kehlmann: Ruhm (2009)

Die neun kurzweiligen Geschichten von durchschnittlich 20 Seiten sind lose miteinander verknüpft und führen uns traurige, tragische und komische Existenzen vor Augen, wobei zumeist eine ironische Distanz gewahrt wird. Manche Figuren kommen mehrmals vor, z.B. der internetsüchtige Angestellte einer Telekommunikationsfirma. Sie sind Schriftsteller, Schauspieler oder bei Exit angemeldet. Die Kehrseite des Ruhms ist genauso ein Thema wie das Streben danach wie die Tücken mobiler Gerätetechnik.

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Inhalt & Kommentar

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Rezension ZEIT 2009

Rezension SZ 2010

Interview mit Kehlmann 2009

Trailer zur Verfilmung 2012

Françoise Sagan: Bonjour tristesse (1954)

Man darf diesen Sommerroman mit düsterer Unterströmung durchaus als Klassiker des frühen Feminismus der Nachkriegszeit lesen. Geschrieben hat ihn eine damals 18-jährige, die damit nicht nur der Sehnsucht nach einem freien Lebensgefühl Ausdruck verlieh, sondern auch an den Grundfesten der herkömmlichen Geschlechterrollen rüttelte.
Hochsommer an der Côte d’Azur. Cécile verbringt mit ihrem geliebten Casanova-Vater Raymond und dessen Geliebten Elsa entspannte Strandferien. Die 17-jährige Halbwaise bewegt sich irgendwo zwischen exzentrischer Halbwüchsigen und sensibler junger Frau auf der Suche nach Sicherheit. Sie kann es sich leisten, kindlich anstrengend zu sein, lernt aber gleichzeitig mit ihren Reizen zu kämpfen und findet auch einen boy, in den sie sich zum Zeitvertreib etwas verlieben kann. Als allerdings mit der coolen 40-jährigen Designerin Anne eine alte Freundin der verstorbenen Mutter auftaucht, die prompt Raymond schöne Augen macht, sieht Cécile ihren modus vivendi in Gefahr und überlegt, wie sie sich dem Lauf der Dinge entgegensetzen könnte.

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Inhalt & Kommentar

Rezension ZEIT 1955 (!)

Rezensionsübersicht

Rezension SZ 2019

Rezension journal21 2019

Videorezension 2016

Trailer der Verfilmung von 1958

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932)

Wie wirkt sich eine kriselnde politische Gesamtlage auf uns einfache Menschen aus, auf unser Miteinander, unsere Liebesbeziehungen? Falladas Roman um ein verliebtes junges Berliner Paar, das in der Wirtschaftskrise um seine Existenz kämpft, kam ein halbes Jahr vor dem Beginn von Hitlers Diktatur raus und widerspiegelt sehr präzise die Stimmung jener Jahre und die Spannung, die in der Luft lag.

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Inhalt & Analyse

Inhalt & Kommentar

Rezensionsüberblick

Rezension Neuausgabe SZ 2016

Hörbuch-Fassung

Markus Werner: Die kalte Schulter (1989)

»Sicherheit ist das Kennzeichnen des Tölpels«, weiß der Protagonist Moritz Wank von einem chinesischen Sprichwort. Er selbst »stehe unter dem Fluch einer angeborenen Schwunglosigkeit«. Wank ist Ende dreißig und hält sich als Maler gerade so über Wasser. Ein Lebenskünstler ist er deshalb noch lange nicht, dazu kämpft er viel zu sehr damit, unser aller Leben nicht anstrengend, absurd oder gar abscheulich zu finden. Was anderen Menschen Normalität und Trost bedeutet, stellt ihn vor Rätsel oder erweckt sein Grauen. Am Begräbnis des Vaters tröstet ihn der Pfarrer mit der Floskel, das Leben gehe weiter – genau das empfindet Wank aber als anstößig: Soll man jetzt so tun, als ob nichts wäre, immer weiter – und wozu? Halt gibt Wank seine sensible, zugewandte Freundin, die 30-jährige Dentalhygienikerin Judith, die ihn immer wieder auf liebevolle Weise mit seinen Schrulligkeiten konfrontiert. Er allerdings ist sich der Fragilität seines Glücks jederzeit bewusst. – Markus Werner dritter Roman ist ein melancholisches, geistreiches und virtuos geschriebenes Portrait eines zweifelnden, depressiv veranlagten Mannes, dessen Weltanschauung sich darum dreht, was wir alles verdrängen resp. verdrängen müssen, um unser Dasein und unseren Alltag auszuhalten und an gegenwärtigem Glück festhalten zu können.

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Leseprobe

Rezension ZEIT 1990

Rezension Neon 2001

Einordnung in Werners Gesamtwerk NZZ 2014

Blogrezension

Jakob Arjouni: Hausaufgaben (2004)

Hat sich Joachim Linde, Deutschlehrer an einem Gymnasium und liberal denkender Alt-68er, tatsächlich an seiner Tochter vergangen oder ist sie nur ein hysterischer Teenager, die sich wichtig machen will? Darf man dieser Hauptfigur trauen? Weshalb sonst ist die 17-jährige dann Hals über Kopf ausgezogen? Und würde das nicht erklären, weshalb Lindes Ehefrau nun in eine psychiatrische Klinik eingeliefert wurde? Beim Lesen dieses kurzweiligen Romans stellt man sich genau diese Fragen und weiß nicht, ob Linde nun Opfer oder Täter ist und wie man nah man ihn an sich ranlassen will.

Übersicht

Inhalt & Kommentar

Rezensionsüberblick

Rezension Deutschlandfunk 2005

Rezension ZEIT 2004

literaturkritik.de 2004

Blogrezension 2004

Blogrezension 2012

Blogrezension 2016

Meral Kureyshi: Elefanten im Garten (2015)

»Ich war klein, doch groß genug, um nicht mehr klein sein zu dürfen.« – Eine 24-jährige Kosovo-Albanerin, die im Alter von zehn Jahren in die Schweiz kam, erzählt von ihrem Leben und ihrer Familie vor und nach der Emigration. Anlass scheint der Tod des geliebten Vaters ca. ein Jahr zuvor zu sein, mit der sie eine Art postumen Dialog führt. Die meist kurzen Ausschnitte erzählen von sehr vielen Lebensbereichen, z.B. der schwierigen Beziehung zur blinden Mutter, dem gefeierten ersten Eintrag ins Telefonbuch, den arabischen Gebeten der Großmutter, dem ersten ungewollten Kuss, dem schwierigen Assimilationsprozess, den kulturellen Differenzen, dem allmählichen Verlust der Muttersprache etc.. Auf ca. 140 Seiten gelingt es Kureyshi mit einfacher Sprache und schönen Bildern und Vignetten, ein Bild ihrer komplexen Situation über viele Jahre zu entwerfen, keineswegs vollständig – und um so reizvoller. Der titelgebende Elefant im Garten ist übrigens eine kleine Lüge der Protagonistin als junge Schülerin, um ihrer Schweizer Freundin namens Sarah die Heimat interessant zu machen.

Rezension ZEIT 2015

Rezension NZZ 2015

Rezension WOZ 2015

Blogrezension 2015

SRF-Beitrag 2016 inkl. Video (nur Video: hier)

Markus Werner: Am Hang (2004)

Zwei einander unbekannte Männer, ein junger, etwas zynischer Scheidungsanwalt und ca. 20 jahre älterer Altphilologe, , geraten miteinander in ein Gespräch, das länger dauert als gewöhnlich. Sie haben eine diametral entgegengesetzte Einstellung zum Leben und zur Liebe. Der Erzähler Clarin (der Anwalt) schwärmt von seinem promiskuitiven Dasein als Junggeselle – sein Gegenüber namens Loos verachtet den Zeitgeist und verteidigt Liebe und eheliche Treue. Am Ende stellt sich heraus, dass beide mehr verbindet, als ursprünglich angenommen. Kaum Handlung, viel philosophisches Geplauder mal grundsätzlich, mal oberflächlich, unterm Strich ziemlich gehaltvoll.

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Inhalt & Kommentar

Übersicht

Rezension ZEIT 2004

Rezension NZZ 2004

Rezension FAZ 2004

Blogrezension 2013

Trailer der Verfilmung (Regie: Markus Imboden, 2013)