Meral Kureyshi: Elefanten im Garten (2015)

»Ich war klein, doch groß genug, um nicht mehr klein sein zu dürfen.« – Eine 24-jährige Kosovo-Albanerin, die im Alter von zehn Jahren in die Schweiz kam, erzählt von ihrem Leben und ihrer Familie vor und nach der Emigration. Anlass scheint der Tod des geliebten Vaters ca. ein Jahr zuvor zu sein, mit der sie eine Art postumen Dialog führt. Die meist kurzen Ausschnitte erzählen von sehr vielen Lebensbereichen, z.B. der schwierigen Beziehung zur blinden Mutter, dem gefeierten ersten Eintrag ins Telefonbuch, den arabischen Gebeten der Großmutter, dem ersten ungewollten Kuss, dem schwierigen Assimilationsprozess, den kulturellen Differenzen, dem allmählichen Verlust der Muttersprache etc.. Auf ca. 140 Seiten gelingt es Kureyshi mit einfacher Sprache und schönen Bildern und Vignetten, ein Bild ihrer komplexen Situation über viele Jahre zu entwerfen, keineswegs vollständig – und um so reizvoller. Der titelgebende Elefant im Garten ist übrigens eine kleine Lüge der Protagonistin als junge Schülerin, um ihrer Schweizer Freundin namens Sarah die Heimat interessant zu machen.

Rezension ZEIT 2015

Rezension NZZ 2015

Rezension WOZ 2015

Blogrezension 2015

SRF-Beitrag 2016 inkl. Video (nur Video: hier)

Markus Werner: Am Hang (2004)

Zwei einander unbekannte Männer, ein junger, etwas zynischer Scheidungsanwalt und ca. 20 jahre älterer Altphilologe, , geraten miteinander in ein Gespräch, das länger dauert als gewöhnlich. Sie haben eine diametral entgegengesetzte Einstellung zum Leben und zur Liebe. Der Erzähler Clarin (der Anwalt) schwärmt von seinem promiskuitiven Dasein als Junggeselle – sein Gegenüber namens Loos verachtet den Zeitgeist und verteidigt Liebe und eheliche Treue. Am Ende stellt sich heraus, dass beide mehr verbindet, als ursprünglich angenommen. Kaum Handlung, viel philosophisches Geplauder mal grundsätzlich, mal oberflächlich, unterm Strich ziemlich gehaltvoll.

Überblick

Inhalt & Kommentar

Übersicht

Rezension ZEIT 2004

Rezension NZZ 2004

Rezension FAZ 2004

Blogrezension 2013

Trailer der Verfilmung (Regie: Markus Imboden, 2013)

Ulrich Woelk: Liebespaare (2001)

Worin liegt der Sinn des Lebens, wenn man ein Paar geworden ist, im Wohlstand lebt und sich dennoch keine Ruhe einstellen will? Fred und Nora sind seit fünf Jahren ein Ehepaar, er ist 40 und leitet das Redakteurteam einer populären Soap, sie ist mit 35 daran, ihre späte Doktorarbeit abzuschließen. Haus, Anstellung, Gesundheit, Freunde, alles stimmt, dennoch nimmt die Zufriedenheit ab, lässt das große Glück auf sich warten resp. scheint in der Vergangenheit zu liegen. Wie viele andere Paare aus ihrem Milieu beschäftigt sie die Frage, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. Beide sind sich unsicher, wie sehr sie einander noch lieben, ob sie mit einem anderen Partner oder Job glücklich wären, ob ein Kind etwas ändern würde. Inmitten dieser Daseinsform materiellen Überflusses und transzendentaler Obdachlosigkeit begegnen sie Robert, einem Schriftsteller, und dessen Frau Christa. Aus den entstehenden Sympathien folgt, was Goethe vor zwei Jahrhunderten in seinem Roman ›Wahlverwandtschaften‹ schilderte.  Woelks Figuren wirken alle mehr oder weniger übersättigt und enttäuscht, sie belügen und hintergehen sich und sind doch auf der Suche nach Liebe und Bindung. Der Roman hat einige Längen, die mal locker überspringen kann, und ist dennoch nicht uninteressant, mitunter weil Woelk einen guten Eindruck von der diffus unsicheren Stimmung der Endneunzigerjahre vermittelt.

Einführung

Übersicht

Robert Seethaler: Jetzt wird’s ernst (2010)

 

Die Eltern sind Friseure, mit dem besten Freund prügelt man sich und die erste große Liebe heißt tatsächlich Lotte – wie bei Werther. Das kann man so und so sehen. Jedenfalls entdeckt der 16-jährige Protagonist dank Lotte den russischen Bühnenautoren Tschechow und seine Liebe zum Theater (und nicht zum Leben als Frisör). Im Zentrum dieses recht amüsanten Coming-of-Age-Romans stehen die frühen Jahre der Selbstfindung in einer langweiligen Kleinstadt um 1980 rum.

Einführung

Rezensionsübersicht

Blogrezension 2011

Beitrag über den Autor (NZZ 2014)

Kurzrezension 2010

Blogrezension 2015

Theodor Fontane: Graf Petöfy (1883)

 

Der 70-jährige Graf Adam von Petöfy lebt mit seiner frommen verwitweten Schwester Judith in Wien. Der junggebliebene Lebemann und Theaterliebhaber hat ein Auge auf die lebhafte 24jährige Schauspielerin Franziska geworfen, die sich tatsächlich auf eine Ehe einlässt – womöglich aufgrund der Freiheiten, die der Graf ihr garantiert. Dass Alter, Stand und Konfession gegen diese Verbindung sprechen, liegt zwar auf der Hand, doch der Graf mag es unkonventionell. Franziska soll ihn vor allem unterhalten, ansonsten stellt er keine Ansprüche an sie. Als sie den Sommer in seiner ungarischen Residenz verbringen, kommt es zu komplizierten Verwicklungen, bei denen Petöfys Neffe Egon von Asperg eine Rolle spielt. Fontane verarbeitet hier eine historische Skandalbeziehung mit der gewohnten erzählerischen Ruhe, Ironie und dem genauen Blick.

Überblick

Ganzer Text

Präzise Charakterisierung der Figuren

Kristine Bilkau: Die Glücklichen (2015)

Der Roman erzählt auf psychologisch glaubwürdige und erzählerisch spannende Weise von den Schwierigkeiten eines jungen Elternpaars, einem Journalisten und einer Konzertcellistin. Georg und Isabell stecken beide in einer beruflichen Krise. Georgs Redaktion muss Stellen abbauen, und Isabell leidet seit kurzem unter zitternden Händen, die sie nicht mehr unter Kontrolle bekommt. Unter dem Eindruck des ökonomischen Drucks sehen sich die beiden Arbeitslosen damit konfrontiert, ihren Lebensstil anpassen zu müssen – was ihre Liebe nicht unbeeinträchtigt lässt. Bilkau wechselt immer wieder von der Männer- zur Frauenperspektive und zurück. Dank dieses doppelten Blicks erfährt man, wie sehr jeder mit seinen Ansprüchen an sich und den Partner und dem Unglück des jeweils anderen zu kämpfen hat. Unter dem Eindruck der Zerbrechlichkeit des kleinen Glücks fühlt man sich an Hans Falladas berührenden Roman ›Kleiner Mann, was nun?‹ (1932) erinnert, der im Berlin der Wirtschaftskrise der späten Zwanziger spielt.

Leseprobe (Anfang des Romans – man muss erst paar Seiten runterscrollen)

Anfang (von der Autorin vorgelesen)

Rezensionsübersicht

Rezension ZEIT 2015

Rezension SPIEGEL 2015

Rezension Deutschlandfunk 2015

Besprechung im Literaturclub (2015)

Arno Geiger: Unter der Drachenwand (2018)

1944, österreichische Provinz: Der 25jährige Wiener Veit Kolbe erholt sich nach vier Jahren Fronteinsatz von einer schweren Verwundung. Der Krieg ist noch nicht zu Ende und Kolbe kein Held. Hitlers Partei war ihm »Sinngebung«, der Krieg Normalität. In dem Dorf lernt er einige Menschen kennen: Nanni, ein unglückliches Mädchen, die in ihren Cousin verliebt ist; Margot, eine verheiratete junge Mutter, deren Mann auch an der Front ist; einen Gärtner, den alle den »Brasilianer« nennen, weil er lange in Rio lebte. Sie alle hoffen, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich – und von der Liebe. Es kommen aber auch andere Stimmen zum Zug, die von anderen Realitäten dieser Epoche erzählen, zum Beispiel einer jüdischen Wiener Familie, die vor den Nazis nach Budapest flieht, oder Margots Mutter in Darmstadt, die vom Bombenkrieg berichtet. Ein Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden. (Bild)

Überblick

Rezensionsübersicht

Rezension FAZ 2018

Rezension ZEIT 2018

Rezension profil 2018

Audio-Gespräch mit dem Autor

Viedeorezension FAZ 2018

Daniel Kehlmann: Tyll (2017)

Die Geburt Europas aus dem Geist des Krieges (NZZ) – und durch die Augen eines Gauklers. In seinem 500-seitigen Schelmenroman versetzt der Autor (oben) die Figur des Narren Till Eulenspiegel aus dem 14. Jahrhundert 3 Jahrhunderte in die Zukunft und in den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), wo er von den seelischen Verwüstungen durch Gewalt erzählt.

Einführung

Leseprobe

Hörbuchfassung des Anfangs (35 min.)

Rezensionsübersicht

Rezension ZEIT 2017

Rezension SPIEGEL 2017

Rezension NZZ 2017

Videorezension 2017

Interview mit dem Autor 2017

Kehlmann über die Figur Till Eulenspiegel 2017

Sven Regener: Herr Lehmann (2001)

Die erste Szene: Am Morgen nach der Nachtschicht am Tresen stellt sich dem übermüdeten Frank Lehmann ein störrischer Hund in den Weg. Ob Hunde wohl Whisky mögen? – Regeners Romandebut spielt in Berlin-Kreuzberg 1989 (also kurz vor der Wende) im Milieu der Künstler, Herumtreiber und Randexistenzen, der Biertrinker und -verkäufer. Er bietet jede Menge lustiger Szenen, schräge Figuren und kunstfertige Dialoge, die sich um so zentrale Themen drehen wie Sprache (was ist genau ›Lebensinhalt‹?), Zeit (vergeht sie schneller, wenn man betrunken ist?) und die Bedeutung der Kruste beim Schweinebraten. Es wird also philosophiert, gestritten, gearbeitet, Kunst gemacht und ausgegangen. So sieht ein Dasein aus, dazu hat man Zeit, solange noch nicht klar ist, wie es im Leben weitergehen soll resp. was man überhaupt mit seinem Leben anstellen will. Loyalität zu den Freunden ist oberstes Gebot, auch wenn sie einem furchtbar auf den Geist gehen. Und dann kommt auch noch die Liebe. Zu Kathrin, der schönen, sperrigen Köchin. Und die Eltern kommen auch. Aus der Provinz. Großes Theater, das alles. Bild: Christian Ulmen und ein Hund in der Verfilmung von Leander Haußmann 2003.

Überblick

Rezensionsübersicht

Rezension FAZ 2001

Blogrezension 2001

Trailer der Verfilmung durch Leander Haußmann 2003

Frank diskutiert mit Kathrin über ›Lebensinhalt‹ und ›betrunkene Zeit‹ (Ausschnitt aus der Verfilmung 2003)

Hermann Hesse: Demian (1919)

Der Schuljunge Emil Sinclair kämpft mit seinen inneren Dämonen, die seine bisher heile Kinderwelt bedrohen und die ihn locken. Er muss sich vom Elternhaus lösen, seiner Selbst bewusst werden, seine erste Liebe überwinden, seine Triebe kennenlernen, kurz: mit sich selbst Bekanntschaft schließen. Jedes der Kapitel steht für eine neue Phase, eine weitere Häutung. Auf dem Weg zu sich selbst begegnet ihm der gleichaltrige Demian als eine Art Mentor, Lotse und Spiegelung. Der Roman »handelt von einer ganz bestimmten Aufgabe und Not der Jugend, welche freilich mit der Jugend nicht aufhört, aber doch sie am meisten angeht. Es ist der Kampf um die Individualisierung, um das Entstehen einer Persönlichkeit. […] Der ›Demian‹ zeigt gerade jene Seite im Kampf um die werdende Persönlichkeit, die den Erziehern die umbequemste ist. Der werdende junge Mensch, wenn er den Drang zu starker Individualiserung hat, wenn er vom Durchschnitts- und Allerweltstyp stark abweicht, kommt notwendig in Lagen, die den Anschein des Verrückten haben. […] Es gilt nun nicht, seine ›Verrücktheiten‹ der Welt aufzuzwingen und die Welt zu revolutionieren, sondern es gilt, sich für die Ideale und Träume der eigenen Seele gegen die Welt so viel zu wehren, daß sie nicht verdorren.« (Hesse in einem Brief an Marie-Louise Dumont) (Bild)
Überblick

Inhalt & Lesermeinungen

Der ganze Text

Präzise Inhaltsangabe der ersten sieben Kapitel

Essay zu Hermann Hesses Werk und Einfluss ZEIT 2012

Hörspiel (vollständig) 2016